Die Hugo Josten Berufskleiderfabrik existiert seit rund 90 Jahren

KW IHKDr. Klaus Weirich hat das Unternehmen vor fünf Jahren übernommen. Bis dahin war er als Top-Manager in der Automobil- und Luftfahrtbranche tätig.

Wer zum ersten Mal den kleinen Besprechungsraum im Erdgeschoss der Hugo Josten Berufskleiderfabrik GmbH & Co Kommanditgesellschaft betritt, zuckt womöglich kurz zusammen: In einer Ecke stehen stumm und steif drei Gestalten. Doch rasch geht der Puls wieder nach unten – es handelt sich lediglich um sehr lebensnahgestaltete Schaufensterpuppen. Sie tragen blaue oder graue Jacken und Hosen sowie festes Schuhwerk. Zwischen den Kunststoff-Dressmen steht ein rollender Kleiderständer mit verschiedenen Textilien. Dr. Klaus Weirich schiebt die Bügel hin und her, nimmt hier eine Jacke und da eine Hose heraus. Dass die Szenerie ein wenig an einen Herrenausstatter erinnert, ist kein Zufall, sondern ein Stück weit gewollt. Das Motto an der Lobbericher Straße in Grefrath lautet: „So viel Mode verträgt moderne Schutzbekleidung“. Schließlich wollen auch Schweißer oder Stahlarbeiter mit ihrem Berufsoutfit mit der Zeit gehen. Funktionalität und Chic gehen zusammen. Um es überspitzt zu formulieren: Der Kartoffelsack im Spind ist Geschichte, die Schnitte sind heute körperbetonter. „Die zertifizierte Sicherheit steht bei allem natürlich an erster Stelle“, betont der Geschäftsführer.

Seit fünf Jahren ist Dr. Klaus Weirich Inhaber und Chef der traditionsreichen Firma, deren Wurzeln bis ins Jahr 1930 zurückreichen. Es ist eine außergewöhnliche Nachfolge-Geschichte, die der gebürtige Münchner und Wahl-Düsseldorfer erzählen kann. Denn der promovierte Kaufmann, der zudem einen MBA-Abschluss der zur berühmten „Ivy League“ zählenden Wharton School vorweisen kann, war als Top-Manager in der Automobil- und Luftfahrtbranche erfolgreich. Große Konzerne sind in seinem Lebenslauf zu finden. „Irgendwann aber hat sich bei mir der Wunsch entwickelt, selbst als Unternehmer tätig zu werden“, sagt der 56-Jährige. Ein Bekannter, der als Vermittler tätig ist, erzählte ihm von der Berufskleiderfabrik am Niederrhein. Damals wusste Dr. Klaus Weirich noch gar nicht, wo Grefrath liegt.

Der Zufall oder das Schicksal – je nachdem, woran man glaubt – hatte seine Hände im Spiel. Denn der erste Interessent für die Nachfolge war kurzfristig abgesprungen. „Er wollte lieber was mit Wein machen statt mit Textilien.“

Also trat der Manager in die Verhandlungen mit Hugo Josten junior ein. Der Sohn des Unternehmensgründers war mehr als 60 Jahre im Unternehmen tätig gewesen und wollte es in guten Händen wissen. Die Möglichkeit einer familieninternen Regelung gab es nicht. „Natürlich hat der Preis eine Rolle gespielt, aber Herrn Josten waren eben auch andere Dinge wichtig – etwa die Zukunft der Mitarbeiter“, betont der Nachfolger. Ein knappes halbes Jahr lang sei er mit Steuerberater und Rechtsanwalt „in die Zahlen eingetaucht“. Letztlich sei es aber eine Bauchentscheidung gewesen.

Die hat Dr. Klaus Weirich nicht bereut: „Berufsbekleidung ist ein wachsender Markt, der guten Konjunktur sei Dank.“

Rund 200.000 Artikel gehen pro Jahr an die Kunden in Deutschland und ins benachbarte Ausland. Das Kernsortiment wird in Grefrath entwickelt. Etwa die Hälfte des Umsatzes wird mit Schutzkleidung gemacht. Die Kunden heißen unter anderem Komatsu, Bilfinger und Outokumpu. Bei Hugo Josten legt man Wert darauf, dass man Hersteller ist. Im großen Stil produziert wird allerdings vor Ort nicht mehr. Schnittmuster und Gewebe gehen nach Mazedonien und Bulgarien, wo Lohnfertiger die Arbeit übernehmen. Rund 150 Näherinnen arbeiten bei den Partnerbetrieben im Ausland. Die Grefrather Belegschaft besteht derzeit aus etwa 25 Frauen und Männern. Dr. Klaus Weirich setzt auf Schnelligkeit und Flexibilität. Um diese zu gewährleisten, gibt es ausreichend Lagerkapazitäten und genügend „schneiderisches Know-how“ am Standort. „In dringenden Fällen können wir bei uns an der Lobbericher Straße – neben Musterteilen – auch normale Arbeits- und Schutzkleidung fertigen.“ (Beitrag des IHK Magazins Mittlerer Niederrhein, September 2018)