Handwerkskleidung: Die Latzhose ist ein Klassiker, moderne Workwear kann mehr

Spezial PPF 4/2016: (MM) Wie hat sich Workwear in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt? Welche Rolle spielt heute das Thema Corporate Fashion im Handwerk? Und welche Trends zeichnen sich für die Arbeitskleidung der nächsten Jahre ab? Antworten geben die fünf namhaften Hersteller: Williamson-Dickie, Tranemo, Mascot, Hugo Josten und Planam.

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Wie hat sich Workwear in den vergangenen Jahren beziehungsweise Jahrzehnten verändert?

Marcel Hlawatsch, Director Sales, Dickies (Williamson-Dickie Europe): Ich sehe generell vier große Entwicklungsschübe, die zu wesentlichen Veränderungen im deutschen Workwear-Markt geführt haben: Bis in die achtziger Jahre hinein galt die klassische Baumwoll-Latzhose in Hydronblau mit Fischgrätmuster als modern. Darauf folgte dann die erste Innovationswelle mit Workwear aus Mischgewebe, vorwiegend aus Dänemark.

Ab Mitte der neunziger Jahre dominierten schwedische Hersteller mit hyperfunktioneller Workwear. Dieser Trend sorgte bei Handwerkern bis etwa Mitte der 2000er Jahre für ein völlig verändertes Erscheinungsbild, fiel dann aber wieder stark ab. Produkte mit Holstertaschen oder übertriebenen Taschenaufbauten sehe ich heute kaum noch als nennenswert an. Anschließend begann die Erfolgsstory von Engelbert Strauss, der erstmalig nicht Einkäufer oder Händler angesprochen hat, sondern Privatpersonen als Träger der Berufskleidung. Dadurch hat er es zum ersten Mal geschafft, dass die von den Herstellern schon immer propagierte Akzeptanz von der Trägerseite auch tatsächlich angeboten wurde. In der Folge hat Strauss die Vorteile aus seiner Bekanntheit mit einem attraktiven, farblich spannenden Sortiment mit voller Durchgängigkeit besetzt. Die aktuellen Trends sehe ich im Bereich körperbetonter Passformen ohne Taschen- oder Funktionalitätsübertreibungen sowie in breiter Produktvielfalt mit absoluter Farbdurchgängigkeit, ergänzt durch Features wie industrielle Waschbarkeit nach DIN EN ISO 15797. Darüber hinaus besteht heute eine gesteigerte Kompetenzanforderung von Objektkunden an die Hersteller, Partner zu sein – und zwar von der Standard-Lagerware bis hin zur zertifizierten Multinormkleidung.

Dr. Klaus Weirich, Inhaber und Geschäftsführer, Hugo Josten: Dass der Blaumann schon lange ausgedient hat, ist hinlänglich bekannt. Der Workwear-Sektor hat jedoch in den letzten Jahren nochmals an Fahrt aufgenommen und einen deutlichen Wandel erlebt. Anforderungen wie Passform, Tragekomfort, Unternehmensidentität und Design spielen eine immer größere Rolle. Neben viel Funktionalität und Komfort ist heute auch ein frischer, lässiger Look – natürlich passend zum gesamten CI – gefragt. Gerade im Handwerk, mit regelmäßigen Kundenkontakten, repräsentieren die Bekleidungsträger ihr Unternehmen. Professionelle Workwear ist zudem ein wichtiger und oft (noch) unterschätzter Faktor zur nachhaltigen Mitarbeitermotivation.

Dirk Brauckmann, Sales Manager Account Team Deutschland, Mascot: Die Breite der Farbauswahl hat erheblich zugenommen. Die Kleidung ist insgesamt modischer aber auch funktioneller geworden. Leichtere Stoffqualitäten wurden entwickelt, die, ohne bei der Verschleißfestigkeit Einbußen zu machen, dem Anwender einen höheren Tragekomfort bieten.

 

Welchen Stellenwert hat heute noch die klassische Latzhose?

Christian Reckord, Geschäftsführer, Planam: Die Nachfrage nach Latzhosen nimmt ab, es gibt deutliche Verschiebungen zur Bundhose. Parallel dazu werden weniger Arbeitsjacken nachgefragt, sondern zur Workwear passende Softshelljacken.

Dr. Klaus Weirich: Totgesagte leben länger… aber auch nicht ewig. Die klassische Latzhose hat immer noch ihre Daseinsberechtigung und viele Fans. Die Rollen sind aber klar verteilt, die jüngere Generation bevorzugt Bundhosen. „Latzhosen“ sind was für die „Väter“ …

Hlawatsch: Die Nachfrage nach Latzhosen nimmt tendenziell stark ab. Dennoch ist es ein Produkt, ohne das viele Objektgeschäfte nicht möglich wären.

Helmut Karbe, Geschäftsführer, Tranemo Workwear: Die klassische Latzhose hat im großen Stil ausgedient. Allerdings haben wir festgestellt, dass es unter den älteren Arbeitnehmern eine, wenn auch immer kleiner werdende Zahl von Latzhosenliebhabern gibt, die die Latzhose unverzichtbar macht. Bei den Trägern von Warnschutzkleidung, zum Beispiel also Arbeitern die im Freien arbeiten, erfreut sich die Latzhose, speziell in der kälteren Jahreszeit großer Beliebtheit.

 

Welche Anforderungen stellen die Anwender heute an ihre Kleidung?

Dr. Klaus Weirich: Funktionalität und Komfort sind mehr denn je gefragt, reichen aber nicht aus. Modisch und lässig muss Workwear heute auch sein. Im Handwerksbereich gehen oftmals schon Arbeits-, Freizeit- und Outdoor-Bekleidung nahtlos ineinander über. Für einen Cappuccino nach der Arbeit mit Freunden in der Eisdiele muss Workwear heute schon salonfähig sein.

Reckord: Der Anwender erwartet ein ansprechendes Design, gute Funktionalität, Artikelvielfalt und einen guten Service zur Individualisierung.

Brauckmann: Funktion, Verschleißfestigkeit und Tragekomfort werden vorausgesetzt – die Kleidung muss darüber hinaus optisch sehr ansprechend sein.

 

Wie unterscheidet sich die Kleidung in verschiedenen Handwerkssparten?

Karbe: Die Anforderungen werden durch die Umgebung und die Anforderungen am Arbeitsplatz vorgegeben. Arbeiter/Handwerker im Freien brauchen gegebenenfalls Nässe-Kälteschutz oder hohe Sichtbarkeit, Montagearbeiter viele Taschen und Fußbodenleger Druck- gegebenenfalls Feuchtigkeitsschutz an Knien und den Beinen. Sofern erforderlich muss die Kleidung den gegebenenfalls zusätzlich geforderten Körperschutz entsprechend EN ISO 20471 Warnschutz, EN ISO 11612 Hitzeschutz, EN ISO 11611 Schweißerschutz, IEC 61482 und so weiter erfüllen.

Reckord: Die Bedeutung der Bekleidung, die individuell nur in einer Handwerkssparte getragen wird, geht weiter zurück. Vielmehr geht es heute um ein einheitliches Erscheinungsbild der einzelnen Handwerkerteams und darum, dass sich die Teams vom Mainstream abheben.

Hlawatsch: Die frühere, enge farbliche Zuordnung für verschiedenen Handwerkssparten löst sich immer weiter auf. Eine Ausnahme bildet das Bauhandwerk (Maurer, Zimmermänner und Dachdecker), wo traditionelle Zunftkleidung nach wie vor stark gefragt ist.

Brauckmann: Unterschiede gibt es nicht nur in den Farben sondern auch in der Anordnung der Taschen, den Nahtverläufen sowie den Stoffqualitäten. Um es einfach auszudrücken: Der Elektriker benötigt eine andere Ausführung von Bekleidung als der Maler.

 

Welche Unterschiede gibt es beim Material beziehungsweise den Gewebemischungen?

Reckord: Polyester-Baumwoll-Mischungen setzen sich immer weiter am Markt durch, die reine Baumwolle gerät weiter ins Hintertreffen. Oftmals wird heute mit Funktionsgeweben wie „CORDURA“ kombiniert.

Dr. Klaus Weirich: Bei Workwear haben sich neben dem klassischen Gewebe aus 100 Prozent Baumwolle zunehmend auch die Mischfasererzeugnisse „Verstärkte Baumwolle“ (65 Prozent Baumwolle, 35 Prozent Polyester) und „Mischgewebe“ (65 Prozent Polyester, 35 Prozent Baumwolle) durchgesetzt, welche die Eigenschaften der beiden Fasern kombinieren. Bei der Wahl des geeigneten Gewebes kommt es letztlich auf die speziellen Arbeitsbedingungen und Anforderungen an. Dabei ist grundsätzlich zwischen Tragekomfort und Strapazierfähigkeit abzuwägen.

Hlawatsch: Der Trend geht zur Auffächerung der Stoffgewichte bezogen auf die Jahreszeiten, insbesondere zu leichteren Mischgeweben in Richtung 240 g/m2 für die wärmeren Monate.

 

Wie wichtig ist heute das Thema „Corporate Fashion“ in Handwerksberufen?

Hlawatsch: Corporate Fashion ist nach wie vor ein mengenabhängiges Geschäft. Aus Gründen der technischen Umsetzbarkeit kommt es in kleineren und mittleren Handwerksbetrieben seltener zur Anwendung.

Brauckmann: Auch die Handwerksbetriebe achten vermehrt auf ein ordentliches und einheitliches Erscheinungsbild ihrer Mitarbeiter. Der Mitarbeiter ist die lebende Werbefläche des Unternehmens.

Karbe: Dieses Thema wird im Handwerk immer wichtiger. Die Handwerker realisieren, dass ihre Mitarbeiter nur in adretter, ihrer Tätigkeit entsprechender Kleidung als kompetenter Überbringer ihrer Leistungen beim Kunden wahrgenommen werden. Mit dem Firmenlogo auf der Kleidung wird der Mitarbeiter zum günstigsten Werbeträger.

 

Worauf ist bei der Pflege der Arbeitskleidung zu achten?

Karbe: Die Pflege der Kleidung darf ihre Eigenschaften nicht beeinträchtigen.

Reckord: Workwear ist sehr unterschiedlich in den Materialzusammensetzungen, aber auch in der Stärke und Art der Verschmutzung. Auch können aggressive Reinigungs- und Trocknungsmethoden die Bekleidung in der Funktion beeinträchtigen oder zerstören. Hierauf muss bei der Reinigung und Pflege eingegangen werden.

Dr. Klaus Weirich: Arbeitskleidung verbringt nicht nur viele Stunden im aktiven Einsatz, sondern auch in der Waschmaschine und im Trockner. Damit sie auch nach häufigem Waschen noch hundertprozentig sauber ist und toll aussieht, sollte man schon bei der Kaufentscheidung auf Markengewebe von Qualitätsherstellern achten. Auch für Workwear gilt: Wer billig kauft, kauft meist zweimal. Europäische Qualitätsgewebe werden so hergestellt und vorbehandelt, dass sie lange in Topform bleiben und man mit der Pflege und Reinigung wenig Aufwand hat. Wichtig ist zudem die Beachtung der Pflegeanweisungen. Ein behutsames Waschen und Trocknen trägt maßgeblich zu einer langen Lebensdauer und einem guten Aussehen der Bekleidung bei.

 

Welche Trends bei Arbeitskleidung sind absehbar?

Karbe: Die Berufsbekleidung wird sich noch stärker an der Mode, Sportswear und Outdoor- Bekleidung orientieren.

Dr. Klaus Weirich: Der Trend zu funktionaler, komfortabler und modischer Arbeitskleidung wird sich weiter fortsetzen. Mitarbeiter möchten mit viel Funktionalität, Komfort und einem schicken Äußeren ihre Arbeit verrichten und sich nicht „verkleidet“ vorkommen. Unternehmensauftritte aus „einem Guss“ mit durchgängigen Bekleidungskonzepten werden sich auch bei Berufs- und Schutzkleidung durchsetzen. Es wird aber auch nach wie vor Platz und Daseinsberechtigung für Klassiker (zum Beispiel Latzhosen) und rein funktionale Bekleidung geben. Gerade im Bereich der zertifizierten Schutzbekleidung stehen der Mitarbeiterschutz und die Produktqualität absolut im Fokus. Dennoch beobachten wir auch hier in einigen Marktsegmenten einen Trend hin zu besserer Ausstattung, mehr Komfort und modernerer Optik. Da die reine Normerfüllung nicht für einen perfekten Schutz ausreicht, setzen immer mehr Unternehmer auf Qualitätsanbieter mit entsprechender Erfahrung. Christian Reckord / Planam Billigimporte und Anbieter mit fehlendem Know-how werden diesen Markt nicht erobern.

Brauckmann: Der Mitarbeiteranteil an Damen wird immer größer – sowohl in kleineren Betrieben als auch in größeren und kommunalen Unternehmen. Es findet ein Trend statt,bei dem die Grenze zwischen traditioneller Arbeitsbekleidung und Freizeit-/Outdoor-Bekleidung immer mehr verschwimmt. Das zeigt sich insbesondere im Design und der Farbvielfalt. Der Look der Kleidung muss zum eigenen Stil passen – während der Arbeit und danach.